8. Schweizerdeutsch ist ein Gefühl, eine Attitüde, eine Identität.

Was man auf Schweizerdeutsch nicht sagen darf
Wortschatz


«Du, Bäckereifrau, überecho! Gipfeli hopp, zack zack!» [1]

Nein, ich bekomme von [1] keine monetäre Vergütung für die Verbreitung dieses Werbespots. Das mit grotesken Konservenlachern untermalte Filmchen zeigt einen Deutschen, der davon überzeugt ist, die Sprache der Schweiz zu beherrschen, aber von einer Schweizerin eines Besseren belehrt wird. Die fiktive Sprachlektion finde ich auch nach vielen Jahren in der Schweiz nicht sehr lustig, aber sie illustriert perfekt, dass StdDt und CHDt nicht dieselbe Sprache sind.

Obwohl CHDt aus linguistischer Sicht lediglich eine Sammlung von Dialekten innerhalb eines Sprachkontinuums1Nach dem Zerfall des Römischen Reichs im 5. Jahrhundert, siedelten die aus dem heutigen Baden (Deutschland) kommenden alemannischen Stämme entlang des Rheins und in der Zentral- und Nordschweiz. Bedingt durch die Topologie gingen aus ihrer Sprache drei Sprachgruppen innerhalb der alemannischen Familie hervor: das Niederalemannische (grob zwischen Karlsruhe und Freiburg in Breisgau, so wie in der Stadt Basel) [2], das Hochalemannische (grob zwischen Freiburg in Breisgau und den Schweizer Voralpen) [3] und das Höchstalemannische (in der hochalpinen Schweiz) [4]. Somit gehören die schweizerdeutschen Dialekte zum Alemannischen Sprachkontinuum, so genannt, weil die Übergänge von einer Gruppe in die nächste fliessend sind [5, 6].ist, das geographisch eine Fläche doppelt so gross wie die Schweiz einnimmt, behaupten Schweizer gern, dass CHDt eine eigenständige Sprache sei, und sie bestehen darauf, dass es mehr als nur «ein Schweizerdeutsch» gäbe. Sie zanken sich spielerisch darum, ob denn die Berner oder die Zürcher «Sprache» die schönere sei, und mancher Zentralschweizer macht sich auch mal über die Dialekte der Nordschweiz lustig («Es ist ja schon fast Schriftdeutsch!»).

Aus linguistischer Sicht sind zwei Mundarten A und B verschiedene Sprachen statt Dialekte einer gemeinsamen Standardsprache (oder die eine ein Dialekt der anderen), wenn sich A und B in all den folgenden Aspekten substanziell voneinander unterscheiden:

  • phonetisches System
  • Grammatik
  • Wortschatz

Auch wenn sich StdDt und CHDt in all diesen Aspekten unterscheiden, ist der Unterschied in keinem davon substanziell. CHDt ist keine eigene Sprache, insbesondere weil es keine eigene standardisierte Schriftsprache hat, und weil die Schweiz, Deutschland und Österreich ein gemeinsames literarisches Erbe haben.

Trotzdem empfinden Deutschschweizer, dass CHDt eine eigene Sprache sei, und meine persönliche Theorie ist, dass es daran liegt, dass CHDt identitätsstiftend ist. Die drei grössten Sprachen der Schweiz sind Deutsch, Französisch und Italienisch, an deren Namen sich die Namen der Länder Deutschland, Frankreich und Italien ablesen lassen. Die Schweizer indes haben keine Sprache «Schweizerisch», an deren Namen die ganze Welt leicht ablesen kann, dass sie zur Schweiz gehört. Da ist es für die Schweizer umso wichtiger, dass Zuhörer, selbst, wenn sie kein Deutsch können, leicht heraushören, dass ihre Sprache nicht generisches Deutsch ist, sondern «die Sprache der Schweiz». CHDt ist eine Souveränitätserklärung mittels Sprache!

Und damit ist der wichtigste Aspekt, wenn man als StdDt-Sprecher (insb. als Deutscher!) CHDt lernen will, dass man die Unterschiede zu D- und A-StdDt kennt und respektiert. Man muss auch als Nichtschweizer CHDt mit dem gleichen Ernst behandeln, wie die Schweizer es tun. Sonst kann man gerne Gipfeli sagen, und sich sogar eine Schweizerische Sprachmelodie aneignen, aber man wird mit den Schweizern nicht auf einer Wellenlänge sein. Dabei ist es doch so schön, wenn Schweizer endlich aufhören, einem «entgegenkommend» auf StdDt zu antworten! Dann ist man endlich in der Schweiz angekommen!

¹Nach dem Zerfall des Römischen Reichs im 5. Jahrhundert, siedelten die aus dem heutigen Baden (Deutschland) kommenden alemannischen Stämme entlang des Rheins und in der Zentral- und Nordschweiz. Bedingt durch die Topologie gingen aus ihrer Sprache drei Sprachgruppen innerhalb der alemannischen Familie hervor: das Niederalemannische (grob zwischen Karlsruhe und Freiburg in Breisgau, so wie in der Stadt Basel) [2], das Hochalemannische (grob zwischen Freiburg in Breisgau und den Schweizer Voralpen) [3] und das Höchstalemannische (in der hochalpinen Schweiz) [4]. Somit gehören die schweizerdeutschen Dialekte zum Alemannischen Sprachkontinuum, so genannt, weil die Übergänge von einer Gruppe in die nächste fliessend sind [5, 6].
Der Alemannische Sprachraum [7]
[7]

Was man auf Schweizerdeutsch nicht sagen darf

Im Prinzip darf man sagen, was man will. Es ist ja nicht so, dass es auf CHDt das Wort Fahrrad nicht gibt. Man kann wie auf StdDt neue Worte «erfinden», indem man bereits existierende zusammensetzt. Das Wort Fahrrad existiert also, aber Schweizer sagen nun mal Velo, und Fahrrad tönt (klingt) komisch in ihren Ohren. Wenn man Velo sagt, wird die Sprache als «schweizerischer» empfunden.

Selbstverständlich kann von niemandem erwartet werden, dass er/sie alle Helvetismen2Nur in der Schweiz übliche Begriffe. auf einmal in seine/ihre Sprache aufnimmt. Es sind sehr viele, und es braucht Jahre, sich nach und nach von «allen» Teutonismen3Nur in Deutschland übliche Begriffe. zu verabschieden, aber man kann sicherlich damit anfangen, sich die deutschländischen Ausdrücke abzugewöhnen, die in der Schweiz als besonders negativ empfuden werden. Und damit sind wir wieder beim Thema des Videos.

Zu vermeidenBeispieleBesser
Direkte Aufforderungen, selbst in Verbindung mit bitte. Es darf nicht nach Befehl klingen.Ich kriege ein Bier.4Absolut verboten! Am Besten nie wieder kriegen im Sinne von bekommen sagen!Chönti bitte es Bier ha? (Könnte ich bitte ein Bier haben?)
Ich het gärn es Bier, bitte. (Ich hätte gern ein Bier, bitte.)
Es Bier gärn5Gärn (gern) wird oft statt bitte verwendet. Zum Beispiel sagt die Kellnerin beim Abkassieren: «10 Franke gärn. (Ein Bier gern.)
Ich bekomme ein Bier.6Weniger schlimm als kriegen, aber immer noch als unhöflich empfunden.
Noch ein Bier, bitte.7Selbst das kann noch als «herrisch» interpretiert werden. Und was man wie interpretiert, entscheiden die Einhemischen. Wer in England lebt, lernt auch schnell, dreissig Mal am Tag «Sorry!» zu sagen, auch ohne sorry zu sein. «Sorry!» kommt besser an als «Mach die Augen auf!».
Willkürlich und unbedacht -li an alles anhängen.8Kafi (Kaffee), Foti (Foto), Geburi (Geburtstag), Chindsgi (Kindergarten): Schweizer verwenden viele Diminutive. Aber nicht jedes Wort lässt sich verkleinern! Am Besten genau zuhören, bis man weiss, was geht.Das Stängeli hät nur drü Fränkli choschtet!
Direkte Ablehnung.9Das hier ist ein bisschen als Witz gemeint, aber grundsätlich ist in der Schweiz eine «weniger aggressive, deeskalierende» Sprache bevorzugt. Achtung! So mancher Schweizer Chef sagt lieber: «Ich fänds ganz gschiid, wenn du das chönsch verbessere, wenn du emol Ziit häsch, muess abr nöd si.» als «Das haben Sie Scheisse gemacht! Machen Sie es nochmal!», obwohl eigentlich letzteres gemeint ist.Ich hasse es!I has nöd so gärn. (Ich habe / mag es nicht sehr gern.)
²Nur in der Schweiz übliche Begriffe.
³Nur in Deutschland übliche Begriffe.
Absolut verboten! Am Besten nie wieder kriegen im Sinne von bekommen sagen!
Gärn (gern) wird oft statt bitte verwendet. Zum Beispiel sagt die Kellnerin beim Abkassieren: «10 Franke gärn
Weniger schlimm als kriegen, aber immer noch als unhöflich empfunden.
Selbst das kann noch als «herrisch» interpretiert werden. Und was man wie interpretiert, entscheiden die Einhemischen. Wer in England lebt, lernt auch schnell, dreissig Mal am Tag «Sorry!» zu sagen, auch ohne sorry zu sein. «Sorry!» kommt besser an als «Mach die Augen auf!».
Kafi (Kaffee), Foti (Foto), Geburi (Geburtstag), Chindsgi (Kindergarten): Schweizer verwenden viele Diminutive. Aber nicht jedes Wort lässt sich verkleinern! Am Besten genau zuhören, bis man weiss, was geht.
Das hier ist ein bisschen als Witz gemeint, aber grundsätlich ist in der Schweiz eine «weniger aggressive, deeskalierende» Sprache bevorzugt.
Achtung! So mancher Schweizer Chef sagt lieber: «Ich fänds ganz gschiid, wenn du das chönsch verbessere, wenn du emol Ziit häsch, muess abr nöd si.» als «Das haben Sie Scheisse gemacht! Machen Sie es nochmal!», obwohl eigentlich letzteres gemeint ist.

Wortschatz

s Gipfelidas Croissant / das Hörnchen
s Velodas Fahrrad
töneklingen
chöntikönnte ich
chönsch(du) könntest
gärngern
d Stangeein Bierglas (Die genaue Menge ist nicht normiert.)
drüdrei
choschtetgekostet
nöd / nidnicht
gschiidgescheit (gut)
hashabe es
s Kafider Kaffee (Diminutiv)
s Fotidas Foto (Diminutiv)
s Geburider Geburtstag (Diminutiv)
s Chindsgider Kindergarten (Diminutiv)

Quellen

  1. http://www.gerber-plausch.ch
  2. Niederalemannisch
  3. Hochalemannisch
  4. Höchstalemannisch
  5. Der alemannisch-schwäbische Sprach- und Siedlungsraum
  6. Sprachraumforschung im alemannischen Dreiländereck, von Renate Schrambke, in Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik
  7. Der Alemannische Sprachraum

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