16. Grammatik: «Ich gang go poschte.»

Phänomen 1: Verbverdopplung
Phänomen 2: gen
Kombination beider Phänomene
Wortschatz


«Ich gang go poschte.»: der Satz, mit dem Schweizer gern beweisen, dass ihre Sprache nicht einfach Deutsch ist, sondern etwas eigenes. Davon abgesehen, dass poschte nichts mit Post zu tun hat, sondern (ein)kaufen heisst, was D-StdDt-Sprecher gerne verwirrt, enthält dieser Satz die Partikel go, deren Existenz die standarddeutsche Grammatik nicht erklären kann.

Doch die alemannische Grammatik hat zwei gute Erklärungen dafür.

Phänomen 1: Verbverdopplung

Fangen wir mit ein paar Beispielen an:

Gang go luege, ob d Poscht cho seg.Geh nachschauen, ob die Post gekommen ist.
Ich chum morn dich cho bsueche.Ich komme Dich morgen besuchen.
Wottsch mi würkli la gaa laa?Willst du mich wirklich gehen lassen?
Gschwind! Do fangt d Glace afa schmelze.Beeilung! Da fängt das Eis gerade an zu schmelzen.
Tabelle 1: go, cho, laa, afa

Im Alemannischen1Schweizerdeutsch ist Alemannisch! S. hier. werden die Verben gaa, cho, laa und aafaa, wenn sie reine Infinitive regieren, in verkürzter Form vor dem regierten Infinitiv wiederholt [1]. «Regieren» bedeutet, dass gaa, cho, laa und aafaa als Hilfsverben eingesetzt werden, während das Hauptverb im Infinitiv ist. In den Beispielen auf Tabelle 1 sind das luege, bsueche, gaa und schmelze.

Besonders wichtig ist, dass die Verdopplungspartikel nicht identisch mit dem regierenden Verb ist, sondern eine verkürzte Form davon. Ausserdem gibt es eine grosse geographische Variation, wie die verkürzte Partikel genau lautet, und wann genau sie angewendet wird.

Gehen wir nun einen Schritt weiter. Folgende Sätze sind reale Beispiele:

Er chunt go jasse.Er kommt zum Jassen2Jass ist wahrscheinlich das beliebteste Kartenspiel der Schweiz. Es ist auch im übrigen alemannischen Sprachraum verbreitet, aber seine Popularität ist in der Schweiz sicher am höchsten..
Si faart an Bahnhof ire Maa go abhole.Sie fährt zum Bahnhof, um ihren Mann abzuholen.
Tabelle 2: cho + go, faare + go

Sind das auch Verbverdopplungen? Schliesslich sind cho und faare irgendwie Variationen von gaa, oder? Alles Bewegungsverben.

Nein. Laut [2] müssen beide lexikale Elemente mit dem selben Verb assoziiert sein. Also sind die einzig erlaubten Kombinationen gaa mit go, cho mit cho, laa mit la und aafaa mit afa.

Die Beispiele auf Tabelle 2 entsprechen nicht der Verbverdopplung, sondern einem anderen Phänomen.

¹Schweizerdeutsch ist Alemannisch! S. hier.
²Jass ist wahrscheinlich das beliebteste Kartenspiel der Schweiz. Es ist auch im übrigen alemannischen Sprachraum verbreitet, aber seine Popularität ist in der Schweiz sicher am höchsten.

Phänomen 2: gen

Manchmal hört man von älteren Mitbürgern Sätze wie

Ich gang go Züri.3Heutzutage sagt man eher «Ich gang uf Züri.»

Bei diesem Satz handelt es sich nicht um das Phänomen der Verbverdopplung, denn in diesem Satz wird gaa nicht als Hilfsverb verwendet, sondern es wird konjugiert (gang). Das go muss aber einen Grund haben.

In Wirklichkeit leitet sich dieses go vom Mittelhochdeutschen gen (gegen) ab [3], und es wird offensichtlich im Sinne von nach verwendet. Also bedeutet «Ich gang go Züri.» nichts anderes als «Ich gehe nach Zürich.». Ähnlich kann «Ich gang go schlafe.» gedeutet werden als «Ich gehe zum Schlafen.».

Das (standarddeutsche) Wort gen ist nicht mehr üblich, aber es kommt oft in der Bibel vor, so wie in weiteren älteren Texten. Zum Beispiel: «Sie fuhren gen Rapperswyl über See.», aus «Die Volkslieder der Deutschen» von Friedrich Karl von Erlach, erschienen im Jahre 1834 [4].

Wenn go von gen abstammt, kann auch sehr oft ge verwendet werden. Auch ga, gi und gu sind möglich.

³Heutzutage sagt man eher «Ich gang uf Züri.»

Kombination beider Phänomene

Schauen wir uns nun ein weiteres Beispiel an, das unter jungen CHDt-Sprechern freilich nicht mehr oft zu finden ist.

Ich gang goge schaffe.Ich gehe arbeiten.

Manche Autoren haben diese Konstruktion fälschlicherweise als Verbverdreifachung gedeutet (gang, go, ge: drei Mal gehen, oder?). Aber das ist sie nicht. In Wirklichkeit ist goge die Kombination von go (Verbverdopplung) und ge (gen).

Wortschatz

poschtekaufen
luegesehen / nachschauen
mornmorgen
d ˈGlace4Ich persönlich hasse dieses Wort mit Leidenschaft! Es tönt schrecklich und keinesfalls wie der wohlklingende französische Begriff, von dem es sich ableitet: crème glacée. (Pauvre français!) Aber es hat wohl noch nie ein echter Eidgenosse Speiseeis oder Eiskrem gesagt. Wer ernsthaft lernen will, muss sich (leider) anpassen.das Speiseeis
würkliwirklich
jassejassen / Jass spielen
töneklingen
uf Züri gaa / faarenach Zürich gehen / fahren
z Züri siin Zürich sein
Ich persönlich hasse dieses Wort mit Leidenschaft! Es tönt schrecklich und keinesfalls wie der wohlklingende französische Begriff, von dem es sich ableitet: crème glacée. (Pauvre français!)
Aber es hat wohl noch nie ein echter Eidgenosse Speiseeis oder Eiskrem gesagt. Wer ernsthaft lernen will, muss sich (leider) anpassen.

Quellen

  1. «Zur Genese der Verbverdopplung bei gaa, cho, laa, aafaa im Schweizerdeutschen», in Dialektsyntax Sonderheft 5/1993, Springer, ISBN 978-3-322-97032-9
  2. «Empirische Studien zur Verbverdoppelung in schweizerdeutschen Dialekten», in Zurich Open Repository and Archive, University of Zurich, DOI 10.5167/uzh-52463
  3. Go(ge) schaffe gaa
  4. Die Volkslieder der Deutschen, von Friedrich Karl von Erlach

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