17. Regionale Unterschiede

Übersicht
Berndeutsch
Baseldeutsch
Wortschatz


Der Fokus dieses Blogs liegt auf Zürichdeutsch (ZHDt). Zum Beispiel wird im Wortschatz-Teil, wenn nicht anders angegeben, immer nur die ZHDt-Variante angegeben. Nichtsdestotrotz möchte ich an dieser Stelle eine kurze Übersicht über die Unterschiede zu den Dialekten anderer Regionen der Schweiz aufführen.

Im Grunde genommen handelt es sich immer noch um dieselbe Sprache, auch wenn Sprecher der unterschiedlichen Regionen manchmal spielerisch die Sprache der eigenen Region als besonders einzigartig preisen. Grammatisch gibt es zum Beispiel nur minimale Unterschiede. Auch der Grundwortschatz ist immer derselbe. Allerdings gibt es systematische Lautabweichungen zwischen den Varietäten, die dazu führen, dass sich sehr viele Worte in der Schrift unterscheiden; das kann den Eindruck erwecken, dass die Varietäten unterschiedlicher seien, als sie in Wirklichkeit sind.

Zudem gibt es auch ein einzigartiges Wortschatzreichtum, das seinen Grund vor allem darin hat, dass die Geographie der Schweiz bis vor relativ kurzer Zeit die weitgehende Isolation von verschiedenen Regionen begünstigt hat, weswegen sehr alte Formen überlebt haben. Ausserdem sind alle anderen Sprachen der Schweiz romanisch. Durch ihren Einfluss sind die schweizerdeutschen Dialekte besonders reich an Vokabular, das Deutschsprechern, die keine romanische Sprache können, eher fremd vorkommt.

Übersicht

Im Prinzip beansprucht jeder Kanton mindestens eine «eigene» Version des Schweizerdeutschen für sich, aber die alle einzeln zu analysieren ist an dieser Stelle nicht möglich. Statt dessen möchte ich grob zwischen den folgenden «grossen» Sprachregionen unterscheiden:

ZürichDies ist bei weitem die grösste Sprachregion. Auch die Zentralschweiz kann man grob dazu zählen, auch wenn ich mir dabei den Hass z.B. der Lozärner, Zuger und Urner sichere. Allerdings ist es so, dass sich die Sprache graduell mehr und mehr von D-StdDt entfernt, je weiter man nach Süden geht.

BernAuch innerhalb dieser Region gibt es viele Unterschiede, ja sogar innerhalb der Stadt Bern, aber man erkennt Berner im Grossen und Ganzen leicht an ihre Tendenz, langsamer zu sprechen, so wie an der Vokalisierung des /l/-Lautes, was ihrer Aussprache eine runde, süsse Weichheit verleiht.

BaselDie traditionelle Sprache der Stadt Basel gehört eigentlich zur niederalemannischen Dialektgruppe, während im Rest der Schweiz Hoch- oder Höchstalemannisch gesprochen wird1____Mehr zu diesen Begriffen gibt es hier: https://swissgerman.czutro.ch/?p=306 .. Die Sprache von älteren Stadtbaslern steht den Dialekten des Elsass und Südbadens (Deutschland) näher als den Dialekten der Schweiz. Allerdings gleicht sich die Sprache in den jüngeren Generationen langsam dem Hochalemannischen an.
Im Prinzip könnte auch die Sprache Schaffhausens zu dieser Kategorie zählen. Auch hier ist die Nähe zu Deutschland deutlich «herauszuhören», vor allem wegen dem «französichen R» und wegen der Sprachmelodie, die manchmal stark an den südlichen Schwarzwald erinnert.

OstschweizDie Dialekte der Ostschweiz (Thurgau, St. Gallen und Appenzell) unterscheiden sich stark voneinander aufgrund der Geographie. Im Thurgau ist die Nähe zum Bodenseealemannischen und zum Schwäbischen deutlich zu hören, in Sargans dafür die Nähe zu Graubünden und Österreich. Und in den engen Tälern der Appenzeller Berge überleben Hunderte von Begriffen, die sonst nirgendwo zu hören sind.
Aus deutscher Sicht ist die Sprache der Ostschweiz dezidiert schweizerisch, aber Schweizer Ohren hören die Nähe zu Deutschland ganz leicht. Ich habe persönlich Zürcher getroffen, die scherzhaft behauptet haben, St.-Gallen-Deutsch sei «im Prinzip schon Hochdeutsch».

WallisWalliserdeutsch gehört zum Höchstalemannischen, und damit unterscheidet es sich klanglich am Stärksten von der standarddeutschen Sprache. Der Wallis ist von der übrigen Schweiz geographisch stark isoliert, so dass die Deklinations- und Konjugationsvielfalt des Althochdeutschen überlebt hat, und auch der Genitiv ist bei konservativen Sprechern noch lebendig. Ausserdem ist hier der Einfluss der altfranzösischen Sprachen auf den Wortschatz am Stärksten.

GraubündenWie im Wallis haben auch hier, bedingt durch die Geographie, in verschiedenen Dialekten sehr alte Sprachmerkmale überlebt. Ausserdem gibt es noch die spezielle Varietät, die sich ergibt wenn Rumantsch-Muttersprachler CHDt sprechen.

¹Mehr zu diesen Begriffen gibt es hier.

Berndeutsch

Beispiele
BEDt2BerndeutschZHDtStdDt
Aussprache
Vokalisierung von l im Silbenauslaut. Es wird wie ein polnisches ł oder ein englisches w ausgesprochen.
Es wird mit u geschrieben, aber der Buchstabe behält seinen Charachter als Konsonant: d.h., der [u]-Laut bildet keinen Diphthong mit dem vorangehenden Vokal!
verzeue
[fɛrˈtsɛːuə],
nicht
[fɛrˈtsɔʏ̯ə]!
verzähleerzählen
d Chiuched Chiledie Kirche
auiallialle
viuvillviel
Velarisierung3Verdunklung eines Lauts durch die Annäherung der Zunge an den hinteren Teil des Gaumens (Velum) [1]. von nd. Es wird in der Schrift mit ng angegeben, und [ŋ] ausgesprochen (wie das ng in Finger).de Hungde Hundder Hund
d Stungd Stunddie Stunde
aaaigaitgaatgeht
auou s Outos Autodas Auto
manchmal Verkürzung von historisch langen Vokalen (Diphthonge auf StdDt)witwiitweit
schribeschriibeschreiben
sugesuugesaugen
Ei wird eher als [eɪ] ausgesprochen statt als [aɪ].[fleɪʃ][flaɪʃ]Fleisch
Grammatik
Transposition von Hilfs- und Hauptverb in NebensätzenI ha si la gaa. Ich ha si gaa laa.Ich habe sie gehen lassen.
Wiu i chrank bin gsi.Wil ich chrank gsi bin.Weil ich krank war.
Pluralendung -e auch bei einsilbigen starken Maskulina
(auf ZHDt Nullendung)
zwe Wägezwee Wägzwei Wege
zwe Tischezwee Tischzwei Tische
zwe Steinezwee Stäizwei Steine
keinen einheitlichen Plural bei der Verbkonjugationmir heimir händwir haben
diir heitir händihr habt
si heisi händsie haben
Zahlwörter zwei und drei mit Genus-Sensitivitätzwe Mannezwee Mannezwei Männer
zwo Frouezwee Frauezwei Frauen
zwöi Chingzwee Chindzwei Kinder
drei Mannedrü Mannedrei Männer
drei Frouedrü Frauedrei Frauen
drü Chingdrü Chinddrei Kinder
Höflichkeitsform mit der 2. statt der 3. Person PluralDiir / EuchSi / IneSie / Ihnen
Rechtschreibung
Der lange i-Laut [i​ː​] wird bevorzugt mit y statt ii geschrieben4Die meisten Mundartromane, die verfügbar sind, sind auf Berndeutsch..
Typisch Berner Wortschatz
Grüessech
(kommt von «Gott grüsse Euch»)
Grüezi
(kommt von «Gott grüsse Sie»)
gengjeweils, immer
liire, prichteplaudern
näärnachher
siderseither
u dä!na und?
de Giel [gɪu]der Junge,
der junge Mann
s Müntschider Kuss
Säg ejnisch! [ˈeɪnɪʃ]Sag mal!
²Berndeutsch
³Verdunklung eines Lauts durch die Annäherung der Zunge an den hinteren Teil des Gaumens (Velum) [1].
Die meisten Mundartromane, die verfügbar sind, sind auf Berndeutsch.

Baseldeutsch

Beispiele
BADt5BaseldeutschZHDtStdDt
Aussprache
Tendenz zum «französischen R» [ʁ]drisig [ˈdʁisɪg]driisg [ˈdriːsg]dreissig
/k/, das auf ZHDt als [x] (ch) realisiert wird, wird weniger rauh ausgesprochen, mit Tendenz zum standarddeutschen /k/, stärker behaucht.s Kind [kʰind] / [kind]s Chind [xind]das Kind
/k/, /p/, /t/ manchmal stimmhaft ausgesprochend Daigd Teigder Teig
glaichliiklein
manchmal Verkürzung von historisch langen Vokalen (Diphthonge auf StdDt)d Litd Lüütdie Leute
ditschtüütsch / düütschdeutsch
bissebiisebeissen
Entrundung vom mittelhochdeutschen [y] und [ø]griengrüengrün
scheenschönschön
bleedblödblöd
langes ü [y​ː​] ⟶ ie [iə]s Gmiets Gmüetdas Gemüt
kurzes ü [y] ⟶ ii [i​ː​]d Fliigeld Flügelder Flügel
aaood Oobed Aabigder Abend
-lich-ligmeegligmöglimöglich
Suffix der Zahlwörter 20, 30, … , 90 wie StdDtdrisig [ˈdʁisɪg]driisg [ˈdriːsg]dreissig
fufzig [ˈfuftsɪg]füfzg [fʏftsg]fünfzig
Zahlwort für 1000 mit Diphthongdausig [ˈdausɪg]tuusig [ˈtuːsɪg]tausend
Baseldeutsch

Wortschatz

verzähleerzählen
d Chiledie Kirche
d Stunddie Stunde
wiitweit
suugesaugen
zweezwei
drüdrei
d Wägder Weg
d Stäider Stein
driisgdreissig
füfzgfünfzig
tuusigtausend

Quellen

  1. Velarisierung
  2. «Handbuch des Deutschen in West- und Mitteleuropa: Sprachminderheiten und Mehrsprachigkeitskonstellationen», von R. Beyer und A. Plewnia, Narr Francke Attempto Verlag, ISBN 978-3823301745.

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